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04/03/2020

Beschleunigt die Krise nur den ohnehin schon stattfindenden Wandel zum Onlinehandel?

Ohne digitale Vertriebswege haben es Non-Food-Händler in der aktuellen Corona-Krise extrem schwer. Die Einschränkungen im öffentlichen Leben werden vor allem langfristig zu einer Belebung des E-Commerce führen.

Beschleunigt die Krise nur den ohnehin schon stattfindenden Wandel zum Onlinehandel?

Von Andreas Wartenberg, Geschäftsführer der Hager Unternehmensberatung und Chairman of the Board der Horton Group International

Während der Betrieb in Lebensmittelmärkten weiter auf Hochtouren läuft, musste ein Großteil der Non-Food-Läden, wie Bekleidungs- und Sportgeschäfte, Elektrofachmärkte sowie Möbelhäuser, mancherorts auch Bau- und Gartenmärkte, seine Türen auf unbestimmte Zeit schließen. Von den Filialschließungen profitiert vor allem der Onlinehandel: „Händler, die schon Multichannel betreiben, können jetzt Umsatz auf E-Commerce umschichten“, erklärt Nils Zündorf, E-Commerce-Experte der Agentur faktor-a. Wer dagegen noch keinen eigenen Online-Shop betreibt oder seine Produkte nicht über Plattformen wie Amazon oder ebay anbietet, hat im Moment keine Möglichkeit, Waren zu verkaufen. Dies trifft laut dem deutschen Handelsverband (HDE) noch immer auf rund zwei Drittel der Läden in Deutschland zu, darunter vor allem kleine Shops und Boutiquen. Ladenschließungen bedeuten für diese keine Einnahmen mehr – trotz laufender Kosten.

Grundsätzlich ist seit einigen Jahren zu beobachten, dass sich der Umsatz zunehmend ins Netz verlagert. Zum Teil fahren die großen stationären Einzelhandelsunternehmen schon jetzt bedeutende Umsätze über den digitalen Verkaufsweg ein – besonders im Bereich der Konsumgüter. Der Online-Anteil bei Unterhaltungselektronik lag 2018 bereits bei 31 Prozent, bei Mode und Accessoires sowie Freizeitartikeln wurde ein Viertel über das Netz bestellt (Quelle: Handelsverband Deutschland).

 

Aufbrechen des gewohnten Einkaufsverhaltens

Allerdings bleibt auch der Handel im Netz nicht gänzlich von den Auswirkungen des Corona-Virus verschont. Kurzfristig wird es in einigen Bereichen zu logistischen Problemen und Lieferengpässen kommen, insbesondere bei grenzüberschreitenden Warenlieferungen. Trotzdem dürfte sich der Trend zum digitalen Vertrieb durch die Virus-Lage weiter verstärken und vor allem langfristig zu einer Konsumveränderung führen.

Da es bei stark gefragten Produkten wie haltbaren Lebensmitteln, Desinfektionsmittel oder Toilettenpapier zuletzt zu Lieferschwierigkeiten im stationären Handel gekommen war, hat sich auch hier der Zugriff auf E-Commerce-Ressourcen erhöht. Vor Beginn der Krise zeigten sich viele Menschen skeptisch, wenn es darum ging, frische Nahrungsmittel online zu bestellen. Dieses Bild hat sich inzwischen stark gewandelt. Der größte deutsche E-Commerce-Betreiber bei frischen Lebensmitteln ist Rewe. Die Handelskette erlebt nun einen wahren Boom: „Im Onlinehandel spüren wir eine deutlich gesteigerte Bestellintensität“, äußert ein Rewe-Sprecher gegenüber dem Nachrichtenmagazin WELT.

Aus Angst vor einer Ansteckung meiden immer mehr Menschen die Öffentlichkeit, insbesondere Zugehörige der Risikogruppe. Beim Einkauf im Netz ist die Gefahr minimal, weshalb nun auch die, die ihre Einkäufe bisher lieber vor Ort erledigten, zunehmend auf E-Commerce-Services aufmerksam werden. „Die Unsicherheiten bezüglich des neuartigen Coronavirus bricht das gewohnheitsmäßige Einkaufsverhalten in großem Maße auf und setzt den Onlinelebensmittelhandel für viele Konsument*innen in attraktiveres, neues Licht“, erläutert Dr. Eva Stüber vom Kölner IFH-Institut in einer Pressemeldung. Längere Lieferzeiten, bedingt durch die hohe Nachfrage, werden dafür ebenfalls in Kauf genommen. Dem Onlinehandel kommt damit eine „ganz zentrale Versorgungsfunktion“ zu, betont auch der Digitalverband Bitkom.

 

Der Wandel nach der Krise

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Eingeübte Verhaltensweisen werden nicht mehr abgelegt und so wird sich der Trend des „Wir-bestellen-online“ vermutlich auch dann fortsetzen, wenn wieder Normalität eingekehrt ist. Die derzeitige Lage führt dazu, dass sich alle neu sortieren und ihre Vertriebswege neu ausrichten müssen. Der eigentliche Wandel findet also erst nach der Krise statt und wird auf lange Sicht zu einer Belebung des E-Commerce führen.

 

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Dieser Artikel ist Teil der Beitragsserie „Game Changer Corona-Krise“

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