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06/04/2019

Deutsche Visionäre gesucht

Wo ist das deutsche Silicon Valley?

Von Dr. Monika Becker, Business Unit Director bei Hager Unternehmensberatung und improve.r für die Branche Software

Vor rund 150 Jahren war der Erfindergeist in Deutschland zuhause. Hier wurden der Dieselmotor, das Auto, der Fernseher, das Röntgengerät und viele weitere wertvolle Produkte erfunden und vermarktet.

Deutsche Visionäre gesucht

Seinerzeit war der innovativste Wirtschaftsstandort der Welt in Deutschland und Namen wie Philipp Reis und Werner von Siemens weltweit in aller Munde. Mittlerweile ist jedoch der Innovationsgeist gewandert – Erfindungen kommen zuhauf aus dem sogenannten Silicon Valley.

Die großen Erfinder der Gegenwart tragen Namen wie Mark Zuckerberg, Larry Page und Jeff Bezos. Eines der revolutionärsten Produkte des aktuellen Jahrtausends ist das iPhone. Doch auch dies wurde weder in Deutschland erfunden noch gebaut, sondern in der Nähe von San Francisco. Gibt es etwas, das viele der heutigen namhaften Innovatoren eint? Ein Großteil von ihnen hat den Firmensitz im Einzugsgebiet des Silicon Valleys in Kalifornien. Hier hat Deutschland fast den Anschluss verpasst.

Was macht Start-ups, die aus dem Silicon Valley hervorkommen, so erfolgreich? Die Region ist dafür bekannt, dass die Kombination einer guten Idee gepaart mit etwas Tüftelei erfolgreiche Weltunternehmen hervorbringt. Plötzlich haben wir alle kein mobiles Telefon, sondern einen Computer im Kleinformat dabei. Bald werden wir nicht mehr mit dem Auto von A nach B fahren, sondern autonom chauffiert.

Die Unternehmensgründer oder besser gesagt die Visionäre eint bei Vielem, was sie erfolgreich hervorbringen, eine ausgeprägte Intuition. Sie schmieden keine ausgefeilten Pläne, sondern entwickeln ihre Ideen schrittweise und probieren es einfach aus. Diese fast schon kindliche Herangehensweise ist gepaart mit einer hohen eigenen Risikoaffinität und unterstützt von Finanziers, die auch risikofreudig bereit sind, ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Wer sich als Erfinder und Visionär nicht an Wohlstandsidealen messen muss, kann völlig neue Pfade betreten, ohne den Misserfolg zu fürchten. Aber diese Visionäre müssen protegiert, müssen finanziell geschützt werden, von Geldgebern, die eben auch fernab der gängigen Ideale arbeiten und an Ungeahntes glauben. An kleine technische Wunder, die von (positiv) fanatischen Gründern vertreten werden.

Deutsche Visionäre sind ebenso in der Start-up Szene anzutreffen. Doch der Durchhaltewille deutscher Unternehmensgründer ist doppelt gefordert: Der Weg, den amerikanische Mitstreiter gehen, ist viel einfacher zu durchlaufen als eine Unternehmensgründung in Deutschland. Bankengespräche, Business-Pläne, Überzeugungsarbeit in technischen Diskussionen. Erfindung in Deutschland heißt zunächst, sich mit einem Wust von Gesetzestexten, Bestimmungen, Planerfüllungen herumzuschlagen. Die Idee, dass der Erfindergeist zu 100 % genutzt wird, geht hier ad absurdum, weil 50 % der Energie in Verwaltungsarbeit und Finanzierungsüberzeugung verloren gehen. Kann so kreativ, geschweige denn visionär gearbeitet werden?

 

Visionäre fallen nicht vom Himmel – doch wo sind sie?

Der Erfolg eines innovativen Produkts ist häufig untrennbar mit dem Unternehmensgründer, seiner Kreativität, kommerziellem Sinn, Risiko- und Lernbereitschaft sowie Hartnäckigkeit verbunden. Noch gibt es keinen ‚Hochbegabtentest‘, um Visionäre zu identifizieren. Sie haben nicht unbedingt einen perfekt lesbaren Lebenslauf mit allen Features von Eliteunis. Visionäre zeichnen sich eher durch eine kluge Neugierde als durch einen akademischen Titel aus. Um diese Persönlichkeiten zu finden, bedarf es eines ausgeprägten Spürsinns.

Es liegt an Investoren und an sensiblen, breit denkenden Managern der oberen Etagen, unter Gründern solche herausragenden Visionäre zu entdecken und mit Fingerspitzengefühl zu entwickeln. Aber auch in etablierten Unternehmen gibt es Visionäre, die mit hochinnovativen Ideen das Portfolio ihres Unternehmens „auf die nächste Stufe“ bringen können. Häufig sind diese „Hochbegabten“ allerdings keine pflegeleichten Mitarbeiter. Sie sind hartnäckig bis stur, haben Widerspruchsgeist und entsprechen in Verhalten und Auftreten nicht unbedingt dem Mainstream. Die Gefahr ist groß, dass Manager ihre hochbegabten Mitarbeiter als Querulanten abstempeln, anstatt das Potenzial zu sehen. Die Visionäre resignieren – oder verlassen das Unternehmen und verwirklichen ihre Ideen in der Selbständigkeit (in Deutschland oder anderswo).

Es gibt wohl kein Patentrezept, wie sich Visionäre produktiv in eine etablierte Organisation eingliedern lassen. Ein wichtiger Leitbegriff ist aber sicher Freiraum. Es braucht Zugeständnisse, sei es bei der Bekleidung, bei der Arbeitszeit oder der Ausstattung. Vor allem aber braucht es Freiraum für die visionären Mitarbeiter, um im Rahmen ihrer Arbeitszeit eigene, produktive Ideen zu verfolgen. Die Balance zwischen Freiraum ohne Erwartungsdruck, dass die generierten Projekte kurzfristig gewinnbringend einerseits und dem Faktum, dass ein etabliertes Unternehmen seine wirtschaftlichen Ziele im Blick haben muss und kein reiner „Ideenspielplatz“ sein kann, erscheint hier die hohe Kunst der Führung.

Gleiches gilt für etablierte Unternehmen, die eine Partnerschaft mit Start-up-Unternehmen eingehen oder Start-Ups übernehmen. Der Gewinn für das etablierte Unternehmen wird zumindest zum Teil in den visionären Personen liegen, die mit übernommen wurden. Damit diese sich auch weiterhin entfalten und ihrer Kreativität freien Lauf lassen können, sollten sie eigenständig existieren und nicht in ein starres Großunternehmenskonzept einverleibt werden. Vielleicht muss es so etwas wie zwei Unternehmenskulturen geben: eine innovative, sehr freie. Und eine gängige, die das profunde Überleben des Unternehmens sichert. Was als Widerspruch erscheint, muss mühsam erarbeitet werden. Die Unternehmenskultur von Start-ups ist in der Regel sehr freizügig und nicht mit konzernweiten Gepflogenheiten vergleichbar. Reelles Partnern ist hier das Schlüsselwort.

 

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