Detail
04/17/2020

Die Krise führt zu einem neuen Verständnis für digitale Technologien

Durch die aktuelle Situation wird die Innovationsbereitschaft in den Unternehmen vermutlich langfristig stärker vorangetrieben.

Die Krise führt zu einem neuen Verständnis für digitale Technologien

Von Andreas Wartenberg, Geschäftsführer der Hager Unternehmensberatung und Chairman of the Board der Horton Group International

Das Thema Digitalisierung wurde in den vergangenen Jahren in vielen Unternehmen weiter bestärkt. Spätestens in der aktuellen Krise zahlen sich die getätigten Investitionen in digitale Projekte aus. Unternehmen, die einen hohen Digitalisierungsgrad aufweisen, sind meist weniger stark von Krisen betroffen. Zu diesem Ergebnis ist das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim in einer Studie gekommen. Am Beispiel der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 konnte aufgezeigt werden, dass Firmen, deren Digitalisierung weiter fortgeschritten war, diese schwierige Phase besser überstanden haben als solche, die bisher nur wenig in neue Technologien investiert hatten. Der Grund hierfür ist naheliegend: „[…] um erfolgreich zu digitalisieren, müssen Produktions- und Arbeitsprozesse angepasst werden, wodurch Unternehmen effizienter und produktiver werden“ (ZEW). Dies ermöglicht es, flexibler auf veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu reagieren.

Obwohl die Digitalisierung zu einem Dauerthema geworden ist, hinkt nach wie vor eine Vielzahl von Betrieben, Behörden und Organisationen in Deutschland hinterher – besonders im Vergleich zur internationalen Konkurrenz. Durch die teilweise noch immer vorherrschende „Wir haben das schon immer so gemacht“-Einstellung bremsen sich viele Unternehmen selbst aus. Dass viele Prozesse und Arbeitsschritte längst digital ablaufen könnten, wird uns in der aktuellen Krise schmerzlich bewusst. Im Beitrag „Bedingt durch die weltweite Pandemie erhält die Digitalisierung einen Vorschub“ wurde bereits dargelegt, wie essenziell zum Beispiel die Einrichtung mobiler Remote-Arbeitsplätze oder die Nutzung von Videokonferenz-Tools in der digitalisierenden Welt sind.

 

Die Corona-Krise als Innovationstreiber

Unternehmen, die in Sachen Digitalisierung bereits weiter fortgeschritten sind, sind derzeit klar im Vorteil gegenüber dem Wettbewerb. Dahingehen müssen sich all diejenigen, die digitalen Technologien bislang skeptisch gegenüberstanden oder diese sogar verweigerten, nun wie bei einer Konfrontationstherapie direkt damit auseinandersetzen, um in der aktuellen Krise nicht unterzugehen oder zumindest deren negativen Auswirkung abfangen zu können. Die Strategie des Abwartens und Aufschiebens mag bisher gut funktioniert haben – in der jetzigen Situation wird sie das sicher nicht mehr.

Um die zum Teil erheblichen Verluste durch die schwache Auftragslage, Produktionsstopps oder das Ausfallen von Mitarbeitern, die sich in häuslicher Quarantäne befinden oder ihre Kinder betreuen müssen, auszugleichen, zerbricht sich vielerorts die Führungsriege den Kopf darüber, wie Arbeitsprozesse effizienter gestaltet werden können und wo sich die Wertschöpfungskette optimieren lässt. Dies betrifft nahezu alle Branchen in gleichem Maße. Während Industriebetriebe zum Beispiel nach einer Lösung zur effizienteren Produktionsgestaltung suchen, eruieren Handelsunternehmen Wege, um ihre Lieferketten zu verbessern.

 

Kosten durch Prozessoptimierung reduzieren

Die Digitalisierung ermöglicht es, die Abläufe im gesamten Unternehmen zu optimieren und so vor allem auf lange Sicht Kosten zu reduzieren. Große Firmen wie auch KMUs können durch die Digitalisierung bestimmter Arbeitsschritte Ressourcen besser einsetzen und Prozesse transparenter machen, wodurch sich diese besser analysieren lassen, was wiederum eine effizientere Gestaltung erlaubt. So kann zum Beispiel mithilfe von KI und Data Analytics simuliert bzw. prognostiziert werden, wie sich unerwartete Ereignisse – wie die Corona-Krise – auf verschiedene Unternehmensbereiche auswirken und entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, um im Ernstfall gewappnet zu sein.

 

Innovationsbereitschaft in den Unternehmen langfristig gestärkt

Der durch die Corona-Krise bedingte „Digitalisierungszwang“ führt dazu, dass wir im Umgang mit neuen Technologien geübter werden und ein neues Verständnis für diese entwickeln. Dies fängt schon bei der Arbeit im Homeoffice an – bis vor Kurzem undenkbar, inzwischen für viele Berufstätige Alltag. Die Arbeitswelt hat in kürzester Zeit einen Paradigmenwechsel durchlaufen. Nach der Krise werden wir diesen Schritt – hoffentlich – nicht wieder zurückgehen.

In seiner kürzlich veröffentlichten Kolumne „Coronakrise: Digitalisierung wird zur Überlebensfrage“ formulierte t3n.de-Chefredakteur Stephan Dörner sehr trefflich: „Ich bin überzeugt, dass ein breites Bewusstsein gerade auch in Deutschland dafür entsteht, dass digitale Technik in Zeiten existenzbedrohender Krisen ein Stabilisierungsfaktor ist und keine Bedrohung“. Die veränderten Bedingungen werden vermutlich zu einer neuen Denk- und Herangehensweise führen. Vermutlich wird die Innovationsbereitschaft in den Unternehmen langfristig stärker vorangetrieben. Es sollte allen bewusst sein, dass Krisen wie diese immer wieder kommen können.

 

____

 

Dieser Artikel ist Teil der Beitragsserie „Game Changer Corona-Krise“

Back