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05/06/2020

Exit-Strategie nach dem Lockdown - Life Science Branche

Wie sieht es in der Life Science Branche aus?

Wie in vielen anderen Sektoren, verändert die gegenwärtige Krise auch grundlegende Bereiche in der Life Science Branche

Exit-Strategie nach dem Lockdown - Life Science Branche

Von Johannes Suciu, Bereichsleiter der Business Unit Life Science bei der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung.

Es gibt wesentliche Veränderungen im regulatorischen Umfeld sowie über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Zahlreiche Unternehmen in diesem Sektor sind auf staatliche Unterstützungen angewiesen.

Der Life Science Bereich muss in seinen unterschiedlichen Sparten betrachtet werden:

Der Pharmabereich ist trotz der Krise recht stabil. Vorausgesetzt, dass die Unternehmen vor den Einschränkungen des Freihandels ihre Rohstofflager aufgefüllt haben. Dennoch kann es durch eine relativ große Abhängigkeit von den asiatischen Märkten mittelfristig zu Problemen innerhalb der Lieferkette kommen. Grundsätzlich gehört die Pharmaindustrie durch den Apothekenvertrieb und die bestehende Verschreibungspflicht zwar eher auf die Gewinnerseite der Krise. Zur Kosten Kontrolle herrscht jedoch auch hier, wie in vielen anderen Branchen, grundsätzlich Zurückhaltung bei Neueinstellungen. Es werden nur wichtige Positionen besetzt und die, die besetzt werden, müssen aktuell von höherer Instanz als im ‚Normalfall‘ im Management genehmigt werden.  

 

Innerhalb der Medizintechnik gibt es ebenfalls eine Zweiteilung. Unternehmen für Beatmungsgeräte wie Dräger in Norddeutschland und spezialisierte Industriebetriebe für Intensivstationen können sich kaum vor Aufträgen retten. Dagegen bleiben andere Bereiche der Industrie nicht von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise verschont. Laut einer aktuellen Umfrage des Branchenverbandes Spectaris and Medical Mountains GmbH bewerten rund zwei Drittel der befragten Unternehmen die aktuelle Geschäftslage als deutlich verschlechtert und rechnen bei längerer Sperrung mit Umsatzeinbußen. Zudem klagt fast die Hälfte über Zulieferengpässe und mehr als 60 Prozent gaben an, sogar eine deutlich geringere Nachfrage zu verzeichnen. Auch hier ist die Abhängigkeit von Asien bei bestehender Einschränkung des Freihandels und der unterbrochenen Lieferkette spürbar. Hiring Freeze, Kurzarbeit etc. stehen an - Abhilfe in der aktuellen Situation verschaffen staatliche Unterstützungsmaßnahmen wie Steuerstundungen.
 

Die Biotechnologiebranche zeigt ein sehr diffuses Bild, das vom Hiring Freeze bis zu wichtigen Neueinstellungen reicht.

Viele Unternehmen stehen im Rennen, einen geeigneten Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Firmen, die weder in Diagnostika noch Impfstoffe investieren, stehen schlechter da und sind mit den gleichen Problemen konfrontiert wie zahlreiche andere Unternehmen auch. Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband BIO Deutschland ist es möglich, dass die weit fortgeschrittenen Forschungsbemühungen mittelständischer deutscher Unternehmen dazu führen, dass die deutsche Biotech-Landschaft auch international betrachtet an Bedeutung gewinnt und es zu vielversprechenden Internationalisierungen kommt. Der bisher vorwiegende Fall, dass deutsche Unternehmen im Vergleich zu den USA und den asiatischen Industrienationen zu langsam arbeiten, könnte so zu einem Teil kompensiert werden.

„Aktuell ist für die Life Science Branche noch keine spezifische Exit-Strategie erkennbar - in Teilen ist sie auch nicht erforderlich. Im medizinischen Bereich ist es ratsam, sämtliche Behandlungen in allen Arztpraxen und in den Krankenhäusern, wie zum Beispiel verschobene Operationen wieder aufzunehmen.

Ebenso ist eine Wiederherstellung der teilweise unterbrochenen Zulieferkette dringend erforderlich. Falls möglich, sollte für Alternativen gesorgt werden. Auch der Freihandel sollte dringend wieder aufgenommen werden, um den allgemeinen Abwärtstrend abzufangen,“ erklärt Johannes Suciu, Bereichsleiter der Business Unit Life Science der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung.

„Viele Unternehmen aus dem Life Science Umfeld planen in der Zeit nach dem Lockdown, bestimmte Produktionskapazitäten wieder innerhalb der EU – zumindest erst einmal als „stille Reserve“ – aufzubauen. Bei kritischen Produkten und Ingredienzien wird das ‚Just in time Delivery‘-Konzept kritisch überprüft. Aktuell zeichnet sich zudem auf Grund der steigenden Lohn- und Logistikkosten ohnehin die Tendenz ab, dass mittel- und langfristig Produktionen wieder aus China und Indien zurückkehren,“ so Suciu weiter.

Ein positiver Nebeneffekt, den die Krise einher bringt, ist, dass Investitionen in die industrielle Automation beschleunigt werden. Die Themen Digitalisierung der Produktion sowie Robotik haben in kürzester Zeit eine deutlich höhere Priorität erzielt. Viele CFOs haben außerdem festgestellt, dass zahlreiche Themen auch ohne den bisherigen Reiseaufwand fachlich fundiert behandelt werden können. Hierdurch werden bei großen Pharmakonzernen Millionen von Euro gespart - ein weiterer Fortschritt zur Etablierung digitaler Meetings, der so bisher nicht möglich schien.

Fazit:
Auch im Life Science Bereich gibt es Gewinner und Verlierer der aktuellen Krise. Die Produkte, die beständig und etabliert sind, finanzieren in vielen Fällen die, die stagnieren oder rückläufig sind. Eine Exit-Strategie ist ohne absehbares Ende der Krise schwer zu planen und für manche Unternehmen dieser Branche auch nicht erforderlich. Die Quintessenz, die in fast allen Branchen zu tragen kommt, ist, dass die Themen Digitalisierung und Robotik höhere Prioritäten in der Management Agenda erfahren, als es noch vor wenigen Wochen denkbar war.

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