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04/30/2020

Greifen ‚Work‘ und ‚Life‘ künftig stärker ineinander?

Bedingt durch die Corona-Krise geraten Arbeits- und Privatleben zunehmend durcheinander. Eine strikte Trennung beider Welten ist für viele derzeit kaum möglich. Aber wie sieht es nach der Krise aus?

Greifen ‚Work‘ und ‚Life‘ künftig stärker ineinander?

Von Andreas Wartenberg, Geschäftsführer der Hager Unternehmensberatung und Chairman of the Board der Horton Group International

„Homeoffice als heimisches Umfeld, in dem konzentriert und produktiv gearbeitet werden kann“ – bis vor wenigen Monaten traf diese Beschreibung durchaus zu. In den eigenen vier Wänden konnte ohne Ablenkung durch Kollegen an Projekten weitergearbeitet oder ungestört geschäftliche Telefonate geführt werden. Natürlich ist das in vielen Fällen noch immer so. Allerdings war die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, bis vor Kurzem häufig noch etwas Besonderes und nicht überall standardisiert. Die Entscheidung, zuhause zu arbeiten, erfolgte auf freiwilliger Basis. Mit dem Beginn der Corona-Krise wurde es vielfach zur Zwangsmaßnahme und viele Berufstätige empfinden es auch als genau das. Mittlerweile ist Homeoffice vor allem für diejenigen, die Job, Familie und Haushalt kombinieren müssen, eine große Herausforderung.

 

Die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmt zunehmend

Auch arbeiten viele im Homeoffice mehr als im Büro, da der reelle Feierabend und der damit verbundene Ortswechsel fehlen. Das Zuhause ist nicht länger nur Rückzugsort, um den Kopf abzuschalten und zu entspannen, sondern jetzt auch gleichzeitig Arbeitsstätte. Die Grenzen zwischen ‚Work‘ und ‚Life‘ verschwinden. Zudem wächst durch die fehlenden Alternativen zur Freizeitgestaltung sowie die (soziale) Isolation die Verlockung, einfach weiterzuarbeiten. In der Folge verschiebt sich die Balance verstärkt in Richtung ‚Work‘-Ebene.

 

Familie und Kinder gehören zu den größten Hindernissen im Homeoffice

Nach den morgendlichen Ritualen, die auch in diesen Zeiten beibehalten werden sollen, setzen wir uns an den Schreibtisch, verrichten unsere Arbeit, dann eine Mittagspause und weiter geht es, bis das Stundensoll erfüllt ist. Für viele funktioniert die Trennung von Business- und Privatleben auch weiterhin gut. Wer jedoch aufgrund der geschlossenen Kitas und Schulen momentan zusätzlich noch einen 24/7-Job als Mutter oder Vater hat, der weiß, dass die Realität gerade ganz anders aussieht. Zwischen dem Beantworten von Mails, Telefonaten und Videokonferenzen brauchen die Kinder vielfach die Unterstützung bei ihren häuslichen Schularbeiten und suchen nach der Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Konsequent mehrere Stunden am Stück zu arbeiten funktioniert nicht mehr.

In einer kürzlich durchgeführten Umfrage des Berliner Umfrageinstituts Civey unter 2.500 Berufstätigen, die derzeit die Option haben, im Homeoffice zu arbeiten, gab rund ein Fünftel der Befragten an, dass die Störungen durch Familie und Kinder für sie eines der größten Hindernisse seien. Zudem führte etwa jeder Dritte an, in der aktuellen Situation bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden unkonzentrierter zu sein.

 

Neuer Alltag mit variableren Blöcken

Diese neue und ungewohnte Mischung beider Welten erfordert kreative Lösungen und flexible Modelle. Wann und wo kann gearbeitet werden? Wer betreut in dieser Zeit gegebenenfalls die Kinder? Gibt es Situationen, die genutzt werden können, um ungestört zu arbeiten? Lässt sich die Arbeit auf Randzeiten verteilen? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich derzeit viele. Wenn beide Elternteile berufstätig sind, gilt es sich abzustimmen und eine gemeinsame Lösung zu finden. Bei den wenigsten funktioniert es, dass ein Partner sich gänzlich abschottet und auf die Arbeit konzentriert, während der andere sich um die Familie kümmert und umgekehrt.

Eine strikte Trennung von Job, Familie und Freizeit ist in der aktuellen Lage für die meisten schier unmöglich. Stattdessen werden die Blöcke variabler: Anstelle von acht Stunden Arbeit und den Rest des Tages Familien- und Freizeit, könnte der Tag so aussehen, dass sich zum Beispiel an drei bis vier Stunden Arbeit, andere Verpflichtungen wie Einkaufen oder Homeschooling mit den Kindern anreihen, anschließend wieder Arbeit usw. Der „neue Alltag“ organisiert sich um fixe Termine wie Online-Meetings, Telefonkonferenzen, Arzttermine usw. herum, Lücken müssen stärker genutzt werden. Dies erfordert eine sehr gute Planung. Dennoch kann immer etwas dazwischenkommen, worauf wir flexibel reagieren und unseren Zeitplan entsprechend anpassen müssen.

 

Work-Life-Balance im wahrsten Sinne des Wortes

Wenn irgendwann wieder Normalität in unser Leben einkehrt, wird an dieser flexibleren Gestaltung möglicherweise festgehalten. Vielleicht bietet die Krise die Chance, unsere noch immer recht starren Alltagsstrukturen loszulassen und neu zu planen. Dem Business-Buzzword ‚Work-Life-Balance‘ kommt damit eine ganz neue Bedeutung zu. Das Risiko dabei ist, nicht alle Interessen gleichzeitig befriedigen zu können. Es darf weder zu viel gearbeitet werden, noch darf der Privatanteil zu groß werden. Hier muss jeder für sich den richtigen Weg finden, Beruf, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Es müssen Regeln aufgestellt werden, die einen guten Ausgleich von Work und Life ermöglichen. Wichtig ist dabei auch, bewusst Feierabend einzuhalten und abzuschalten. Themen, die nicht dringlich sind, können auch morgen noch angegangen werden.  

 

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Dieser Artikel ist Teil der Beitragsserie „Game Changer Corona-Krise“

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