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05/03/2019

Künstliche Intelligenz ersetzt „Näschen“

Als ehemaliger Fußball-Profi gehört Richard Golz (50) mit 453 Einsätzen für den Hamburger SV und den Sport-Club Freiburg zu „Top 25“ der Bundesliga. Seit diesem Herbst ist der frühere Torhüter für die auf Executive Search spezialisierte Hager Unternehmensberatung im Hauptsitz in Frankfurt am Main tätig und leitet dabei als Business Unit Manager den neu etablierten Bereich Sport. Gebündelt fließen dabei aus seiner sportlichen Laufbahn und weiteren beruflichen Tätigkeiten vielfältige Erfahrungen ein.

Fortgesetzt wird dieses Mal das Thema: Die rasant fortschreitende Digitalisierung – auch im deutschen Fußball.

Künstliche Intelligenz ersetzt „Näschen“
Digitalisierung im Sport

Von Richard Golz, Business Unit Manager Sports, Hager Unternehmensberatung und ehemaliger Profi-Fußballer

Gefühlt 90 Prozent aller Vorträge und Diskussionen beim SPOBIS 2019 haben sich – wie von mir zuletzt schon erwähnt – um das Thema Digitalisierung gedreht. Alles und jeder wird mittlerweile digitalisiert. Da ist es nur logisch und allzu gut nachzuvollziehen, dass dieser Aspekt auch im deutschen Fußball eine immer stärkere Bedeutung erhält: Tendenz ganz eindeutig rasant steigend!

Dabei besitzt der Fußball hierzulande doch eher den Ruf der konservativsten Institution nach der katholischen Kirche. Wobei beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gewissermaßen die Zeichen der Zeit erkannt wurden, maßgeblich durch Oliver Bierhoff vorangetrieben und u.a. anhand der künftigen Akademie erkennbar. Und bei der DFL Deutsche Fußball Liga als Dach der Bundesliga und der 2. Bundesliga verfolgt Geschäftsführer Christian Seifert den klaren Plan, den deutschen Profifußball als Innovationstreiber an führender Position zu etablieren. So gehörte zu den DFL-Maßnahmen im vergangenen Jahr die erstmalige Organisation der SportsInnovation in Düsseldorf als Technologie- und Branchenplattform für Hochleistungssport, die zweite Auflage wird 2020 folgen. Frühzeitig hat sich die DFL auch beim Thema eSport eingebracht, engagiert und positioniert. Gemeinsam mit dem DFB wurde 2017 mit dem „Spielanalysekongress“ eine weitere Premiere initiiert. Mit der Sportec Solutions ist bei der DFL zudem ein Kompetenzzentrum für die Bereiche Spieldaten und Sporttechnologie eingerichtet, das den beispielsweise bei Clubs und Medienpartnern wachsenden, diesbezüglichen Bedarf abdeckt.

Einher mit solch generellen Veränderungen wachsen automatisch die Ansprüche in personeller Hinsicht. Neue Kräfte für neue Herausforderungen werden gebraucht! Wie bei den Sportverbänden sind die Erfordernisse bei den Clubs ebenfalls gewaltig. Im sportlichen Bereich umfassen sie etwa objektiv messbare Parameter bei der Suche nach neuen Talenten und potenziellen Transferzielen oder Zahlenkolonnen zur Prognose mit Blick auf den Karriereverlauf von Fußballspielern. Was es allerdings – aus meiner Sicht bedauerlicherweise – für Vereine wie den Sport-Club Freiburg künftig noch schwerer macht, Wettbewerbsnachteile wirtschaftlicher Art ausgleichen zu können. Das erfolgreiche „Freiburger Modell“, durch seit vielen Jahren sehr gutes Scouting neue Talente günstig zu verpflichten und sie später mit gutem Plus zu transferieren, funktioniert nicht mehr so leicht, weil das einst smarte Alleinstellungsmerkmal nicht mehr gegeben ist. Bei Ein- und Verkauf einen richtigen „Schnapper“ zu machen, wie es in der Fußballersprache heißt, wird somit immer schwieriger. Weil im Grunde jedes Talent identifiziert und klassifiziert wird und einen objektiven Wert erhält – vergleichbar mit dem Preis für Immobilien. Durch die Etablierung von Internet-Portalen finden sich auch in solchen Bereichen kaum noch Schnäppchen – letztlich zum Vorteil der Käufer bzw. Interessenten. Künstliche Intelligenz ersetzt das sogenannte „Näschen“.

Vereine sind jedoch nicht nur in sportlicher Hinsicht mit erforderlichen Fortschritten befasst, sondern das gesamte Business betreffend. Digitale Analysen sind hilfreich für strategische Entscheidungen. Eine Vielzahl an Daten wird u.a. gesammelt für die Interaktion mit Kunden, also Stadionbesuchern oder Sympathisanten, und für maßgeschneiderte Angebote bei Merchandising-Artikeln.

Ein weiteres, bedeutsames Stichwort heißt Connected Stadium. Grundsätzlich schätzen wir uns glücklich, in Deutschland über moderne und sichere Fußballstadien zu verfügen. Bei etwas genauerem Hinsehen erscheint die Infrastruktur teilweise dennoch alles andere als fortschrittlich. Deutlich wird dies schon beim Thema Video-Assistent und diesbezüglicher Transparenz für die Stadionbesucher. Aktuell verfügen lediglich zwei der 18 Bundesliga-Spielstätten über Videowände oder -würfel, auf denen ein Einspielen entscheidender Szenen in ausreichender und für den Fan damit erkennbarer Top-Qualität möglich ist.

30 Millionen Euro nimmt Eintracht Frankfurt deshalb in die Hand, um auch im Bereich der Digitalisierung im deutschen Fußball eine Spitzenposition zu erreichen. Die Rede ist dabei unter anderem von einem modernen Videowürfel und einem elektronischen Bezahlsystem bis hin zu Bus-und Bahntickets. Zum Konzept Fußball und Hightech gehört in Frankfurt auch die Kooperation mit Startup-Unternehmen, deren Schwerpunkt auf digitalen Anwendungen im Sportbereich liegt. Derzeit gibt es in der Commerzbank-Arena gerade mal 50 Fernsehbildschirme, auf denen das laufende Spiel verfolgt werden kann, während der Fan sich am Bratwurststand versorgt. Zum Vergleich: Beim diesjährigen Super-Bowl in Atlanta waren es 5.000 solche TV-Geräte. Dort wäre auch kaum vorstellbar, was es in Berlin (nicht) gibt. Denn im Gegensatz etwa zu der in dieser Hinsicht schon seit Mitte 2013 sehr gut aufgestellten Leverkusener BayArena – um nur ein positives Beispiel aus der Bundesliga zu nennen – fehlt in der Hauptstadt im Olympiastadion aufgrund baulicher Voraussetzungen für die Zuschauer WLAN.

Doch vielerorts hat sich die Stadionwelt für Fans aufgrund neuer technischer Möglichkeiten schon erheblich verändert. Ebenso sind Training und Spiel für Profis und Trainer nicht mehr vergleichbar mit dem, was noch ein paar Jahren war. Deshalb demnächst von meiner Seite noch mehr Details zu den Auswirkungen der Digitalisierung für Sportbusiness und Konsumenten.

Bei all dem sehe ich den Ansatz für uns bei Hager, unterstützend tätig zu werden und die passende Besetzung für anspruchsvolle Führungspositionen zu finden. Die Suche nach den geeigneten Köpfen ist eine große Herausforderung, denn jede (Sport-)Organisation hat ihre ganz speziellen Eigenheiten und Anforderungen, die es für uns in der Business Unit Sports bei der Auswahl der Kandidaten zu beachten gilt.

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