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04/09/2020

Werden sich Logistikunternehmen neu strukturieren?

Corona führt zu einem Bruch des in der Logistikbranche vorherrschenden Mantras „Just-in-time“. Vermutlich wird nach der Krise verstärkt dazu übergegangen, größere und Absatzmarkt-nähere Warenlager aufzubauen.

Werden sich Logistikunternehmen neu strukturieren?

„Just-in-time“: So lautet das Mantra, das die Logistikbranche seit Jahrzehnten prägt. Durch eine zeit- und mengengenaue Warenlieferung sollen die Lagerbestände am Verarbeitungsort minimiert werden. Um Lagerkosten zu sparen, wird zunehmend auf schnelle und direkte Supply Chains gesetzt. Sicherheitspuffer sind dabei kaum noch vorhanden. Diese Art von Logistiksystem bedingt einen reibungslosen Warenfluss und ist dadurch äußerst anfällig für Störungen, zum Beispiel durch Umwelteinflüsse oder Verkehrsbehinderungen. Wird die Lieferkette durch Produktionsausfälle oder ähnliches unterbrochen, ist Just-in-time nicht mehr möglich, denn die begrenzte Warenmenge im Lager ist rasch aufgebraucht.

Dass die aktuelle Corona-Krise stellenweise zu erheblichen Störungen in diesem fein getakteten System führt, überrascht wenig. Stattdessen verdeutlicht uns die derzeitige Situation, welche Bedeutung einer funktionierenden Supply Chain zukommt und wie krisenanfällig der Logistikbereich zugleich ist.

 

Grundversorgung durch größere Lagerkapazitäten und höhere Lieferdichte sicherstellen

Kilometerlange Staus durch Grenzkontrollen und -schließungen, das Ausfallen von Mitarbeitern, die in Quarantäne stecken oder zuhause ihre Kinder betreuen müssen, und ein stark verändertes Konsumverhalten – alles Faktoren, mit denen sich Logistikunternehmen derzeit konfrontiert sehen. Während das Geschäft in einigen Branchen wie der Industrie und dem Handel teilweise komplett zum Erliegen kommt, erleben die Lebensmittelmärkte seit Mitte März einen Ansturm, wie man ihn bisher höchstens vor saisonalen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern kennt. Um die Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Drogerie- sowie Hygieneartikeln, Arzneimitteln, Kraftstoff und Dingen des alltäglichen Bedarfs in der Krise sicherzustellen, haben Speditionen und Transportunternehmen bereits ihre Laderaumkapazitäten und Lieferdichte erhöht. Auch hat die Bundesregierung das Sonntagsfahrverboten für Lkws gelockert. Um den Bestand während der Krise aufstocken zu können, wird kurzfristig nach neuen Lagermöglichkeiten und Logistikflächen gesucht, insbesondere in Ballungszentren.

 

Aufbau von Produktionskapazitäten auf multilogistischer Ebene

Wie bereits in unserem letzten Beitrag der Serie Game Changer Corona-Krise berichtet, wird aufgrund der momentanen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren vermehrt online bestellt. Von der Krise profitiert vor allem Amazon. Der US-Konzern kündigte im März an, in den USA 100.000 Voll- und Teilzeitstellen in Logistikzentren und dem Netzwerk der Zusteller zu schaffen. In Deutschland sollen nach Angaben des Onlinehändlers 350 neue Stellen entstehen. Aber auch in der E-Commerce-Branche kommt es zu Schwierigkeiten und Unterbrechungen in der Lieferkette, weil Transport- und Paketlieferdienste aufgrund der hohen Nachfrage überlastet sind oder Waren im Ausland festhängen. Obwohl die Produktion in China allmählich wieder Fahrt aufnimmt, stockt der Waren-Nachschub aufgrund des grassierenden Virus nach wie vor.

Bereits vor dem Covid-19-Ausbruch war zu beobachten, dass die Produktion wieder schrittweise von China nach Europa zurückverlagert wird. Diese Verlagerung in die Nähe des Absatzmarktes bezeichnet man auch als „Nearshoring“. Wenn die Krise vorüber ist, wird vermutlich dazu übergegangen, Produktionskapazitäten verstärkt auf multilogistischer Ebene aufzubauen.

 

Höhere Bestandshaltung für mehr Krisenfestigkeit

Die derzeitige Lage könnte sich langfristig auf die Prozesse in der Logistikbranche auswirken und zu einem Umdenken führen: weg von „Just-in-time“ und hin zu größeren Sicherheitsbeständen, um für zukünftige Krisen besser gewappnet zu sein. Auch wird der Trend stärker zu absatznahen Warenlagern und einer generellen Verkürzung der Lieferwege gehen. Dadurch kann auch im Krisenfall die Verfügbarkeit der benötigten Waren sichergestellt werden. „Wenn man einen ausreichend großen Lagerbestand hat, kann man sich daraus bedienen und fällt nicht sofort in das Produktionsloch, weil zugesicherte Mengen nicht regelmäßig und wie vereinbart kommen“, erläuterte Carsten Knauer vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk. Corona stellt bestehende Strukturen und Prozesse in der Logistik auf die Probe und führt dazu, dass diese neu überdacht werden.

 

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Dieser Artikel ist Teil der Beitragsserie „Game Changer Corona-Krise“

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