Detail
30.10.2019

Eine App als erster Schritt

Als ehemaliger Fußball-Profi gehört Richard Golz (51) mit 453 Einsätzen für den Hamburger SV und den Sport-Club Freiburg zu „Top 25“ der Bundesliga. Seit vergangenem Herbst ist der frühere Torhüter für die auf Executive Search spezialisierte Hager Unternehmensberatung im Hauptsitz in Frankfurt am Main tätig und leitet dabei als Business Unit Manager den Bereich Sport. Gebündelt fließen dabei aus seiner sportlichen Laufbahn und weiteren beruflichen Tätigkeiten vielfältige Erfahrungen ein.

 

Dieses Mal geht es um „Kopfarbeit“ und damit verbundene, etwa psychische Problemstellungen, die in unserer Gesellschaft vermehrt registriert werden.

Eine App als erster Schritt

„Robert Enke – auch Helden haben Depressionen.“ Unter diesem Titel findet zum Gedenken an den Fußball-Nationaltorhüter am 4. November in Hannover eine Diskussionsveranstaltung statt, mit der auf die zunehmend verbreitete Krankheit aufmerksam gemacht werden soll. In diesem Rahmen wird auch ein gleichnamiger 30-Minuten-Film des Norddeutschen Rundfunks (NDR) vorgestellt. Initiatorin ist Teresa Enke, die Witwe von Robert, der sich vor zehn Jahren, am 10. November 2009, das Leben nahm. Mit 32 Jahren – für sehr viele, sogar für die meisten Menschen, die glaubten ihn recht gut gekannt zu haben, absolut unfassbar. Auch für mich selbst kurz nach dem Ende meiner aktiven Profilaufbahn bei Hannover 96, wo ich Robert Enkes Stellvertreter war. „Der Titel soll aufzeigen, dass es jeden treffen kann“, sagt Teresa Enke.

Teresa Enke wurde Vorstandsvorsitzende der kurz nach diesem dramatischen und gerade für sie so einschneidenden Ereignis gegründeten und nach Robert benannten Stiftung. Sie gehörte auch einer Jury an, die im September in Hamburg den erstmals gemeinsam von der DFB-Akademie und deren Partner Philips ausgelobten „Innovationspreis: Performance & Health im Leistungssport“ verlieh. Siegreich war dabei das Leipziger Start-up Mindance. Dessen Idee: Psychischen Krankheiten präventiv entgegenzutreten. Die Umsetzung: Eine App, mit der Leistungssportler Zugriff auf sportpsychologische Trainingstechniken haben, um ihre psychische Gesundheit zu stärken. Mentaltraining per App, die – so die Darstellung von Mindance - „der persönliche Assistent für mehr Wohlbefinden“ ist.

Aus meiner Sicht ein sehr guter erster Schritt. Denn eines ist klar: Obwohl die medizinischen Abteilungen auch bei Vereinen mit absoluten Vertrauenspersonen besetzt sein müssen und sicherlich auch sind, die der üblichen und wichtigen Schweigepflicht unterliegen, könnte es Unterschiede im Verhältnis zwischen Fußballspielern und „normalen“ Mannschaftsärzten einerseits sowie Sportpsychologen in einem noch einmal deutlich sensibleren Bereich anderseits geben, die – zumindest teilweise – skeptischer beäugt werden. Als subjektives Empfinden. Weil sich ein Sportler möglicherweise doch mit der Frage beschäftigen könnte, ob Informationen über persönliche Problemstellungen nicht doch beim Trainer landen und sich gegebenenfalls sogar nachteilig auf seine weitere Karriere auswirken könnten. Wobei es dabei gar nicht um das Thema Depressionen gehen muss. Insgesamt sehe ich die preisgekrönte App von Mindance als sehr hilfreich an – nicht nur für den Fußball.

Gesundheit und Wohlbefinden sind auch Themen der Hager Unternehmensberatung. Stichwort Healthcare: Alle Unternehmen, die diesbezüglich mit Produkten und Dienstleitungen beitragen, sind bei uns unter Life Science zusammengefasst. Mein Kollege Johannes Suciu ist dabei federführend bei der Aufgabe, die richtigen Führungskräfte für zu ihren Fähigkeiten passenden Organisationen zu finden. Die Aufgabe, den zunehmenden „Kopfproblemen“ in der gesamten Gesellschaft zu begegnen, bleibt wichtig.

„Die größten Möglichkeiten liegen im Kopf.“ Zitat aus einem kürzlich veröffentlichten „kicker“-Interview mit Ralf Rangnick, langjähriger Bundesliga-Trainer in der Fußball-Bundesliga und Sportdirektor, seit diesem Sommer als Head of Sport and Development Soccer international gesamtverantwortlich bei der Red Bull GmbH. Und immer schon ein Stück weit Vordenker, was die Entwicklungen und Zukunft des Fußballs angeht, ein Visionär mit Blick über den Tellerrand hinaus. Rein auf den sportlichen Bereich bezogen sieht Rangnick die Möglichkeiten der Verbesserungen durch Training deutlich weiter ausgeschöpft als auf einer Ebene, „richtige Entscheidungen zu treffen in räumlich und zeitlich begrenzten Drucksituationen“. Wobei er dabei in erster Linie vermutlich zunächst mehr an die Enge auf dem Rasen und das ständig schnelle Attackieren der Gegenspieler gedacht hat.

„Drucksituationen“ sind Leistungssportler wie professionelle Fußballer aber zweifellos, heutzutage vermehrt, auch über das Spielfeld hinaus ausgesetzt – wie Menschen in der gesamten Gesellschaft. Bekanntermaßen und bedauerlicherweise hat Ralf Rangnick die Folgen vor einigen Jahren selbst durch eine Burn-out-Erkrankung erlebt und beruflich erschöpft entsprechend pausieren müssen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als größter medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaft für Fragen der psychischen Erkrankungen hierzulande erfüllt bundesweit mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch.

Seit Robert Enkes Suizid hat sich einiges getan, weiß Teresa Enke zu berichten, nachdem es zuvor doch erhebliche Versäumnisse bei der fachspezifischen Betreuung und entsprechend großen Nachholbedarf gab. Viele Profivereine im Fußball beschäftigen inzwischen Sportpsychologen, die Anstellung eines solchen Experten ist in den Leistungszentren der Klubs für die Talente Pflicht. Dennoch bleibt auf diesem Feld unverändert viel zu tun. Dem „DFB-Journal“ sagte Teresa Enke kürzlich: „Zehn bis 15 Prozent erkranken im Laufe oder nach ihrer Karriere an Depressionen.“

zurück