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24.04.2020

Exit-Strategie nach dem Lockdown - Agrarbranche

Wie könnte eine geeignete Strategie in der Agrarbranche aussehen?

Keine Branche wird nach der Corona-Krise die gleiche Ausrichtung haben wie vorher.

Exit-Strategie nach dem Lockdown - Agrarbranche

Von Hans-Gerd Birlenberg, Business Unit Manager für den Bereich Agribusiness & Distribution bei der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung 

Die Agrarindustrie steht aktuell vor massiven Herausforderungen. Geschäftsmodelle sind in Gefahr oder zum Teil schon eingebrochen. Fehlende Erntehelfer, die Schließung der Restaurant- und Gaststättenbetriebe, dadurch sinkende Abnehmer, zudem ein beträchtlicher Rückgang des Wertschöpfungsniveaus und die Abschwächung der internationalen Konjunktur. Mehr als die Hälfte aller kurzfristigen Einbußen werden durch Rückgänge der internationalen Nachfrage und Lieferengpässe ausgelöst.

Die aktuellen Probleme der Agrar- und Lebensmittelindustrie wurden zunächst durch einen massiven Versorgungsschock der Verbraucher aufgrund der Pandemie ausgelöst. Die Lieferketten - in Europa und weltweit - wurden gestört und daher konnten weniger Waren und landwirtschaftliche Güter gehandelt und verkauft werden, was folglich das Angebot an Waren reduziert hat.

Der Mangel an vorhandenen Arbeitskräften reduziert zudem die Produktion und damit auch das potenzielle Angebot. Gleichzeitig gibt es jedoch Hamsterkäufe der Verbraucher, was in vielen Ländern und Regionen Exportbeschränkungen für Lebensmittel und weitere Versorgungsengpässe ausgelöst hat. Inzwischen stehen zahlreiche Agrarunternehmen vor weiteren, massiven Problemen: viele große Importländer und -regionen wie die USA, die EU und auch Asien sowie Nordafrika haben weitreichende Quarantänemaßnahmen verhängt. Infolgedessen brechen auch die Volkswirtschaften dieser Länder zusammen – manchmal kommt es gar zum Zusammenbruch der gesamten Güternachfrage.

Wie geht es in der Agrarindustrie weiter?

Viele Betriebe versuchen sich mit einer Optimierung ihres Cash-Flows über Wasser zu halten und sehen dies als einzig gangbaren Weg. Doch was kommt dann? Der unternehmerische Blick sollte auch nach vorne justiert werden, um in der Post-Corona Phase erfolgreich wirtschaften zu können. Schlankere Prozesse und Erhöhung der Transparenz könnten eine erfolgreiche Maßnahme in der Agrarbranche sein.

Zudem ist die Pflanzenschutzindustrie stark von politisch regulativen Veränderungen und Limitierungen betroffen und überdenkt daher die bestehende Angebotspalette. Dies führt zu stagnierenden Umsätzen sowie Verlusten von Zulassungen. In der Konsequenz stellen sich Rückgange bei den Lieferanten von Maschinen ein und somit auch rückläufige Verkaufszahlen. Dieser Teufelskreis wird ergänzend von einer drohenden Dürre im dritten Folgejahr heimgesucht, was die Ernten gänzlich infrage stellt.

Diese vertrackte Situation verlangt nach einer Optimierung der Geschäftsprozesse. „Lean durch Digitalisierung“ kann einen nicht unerheblichen Beitrag zur Besserung der wirtschaftlichen Situation in diesem Bereich leisten.

Durch die beschriebenen Einflüsse ist aktuell die Investitionsbereitschaft landwirtschaftlicher Betriebe zur Erneuerung maschineller Anlagen stark gesunken und in der Folge ist die gesamte Zulieferindustrie in gleichem Maße davon betroffen.

„Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Agrarindustrie kann ich die Verantwortlichen dieser Branche nur ermutigen, das Thema Digitalisierung weiter voranzutreiben, um die Prozesse zu verschlanken sowie die Transparenz zu erhöhen.“ Erklärt Hans-Gerd Birlenberg, Leiter der Business Unit Agribusiness & Distribution bei der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung.

Die Agrarindustrie sollte die Chancen der Digitalisierung für ihre Branche noch stärker nutzen als bislang. Die Landwirtschaft, die bereits bei der Verwendung von GPS-Daten zu den Pionieren gehörte, sollte ebenso - wie das digitale ‚Büro Deutschland‘ - auf digital umstellen. Intelligente neue Ansätze sind derzeit nötiger denn je. Die Digitalisierung kann an vielen Stellen für Entspannung und ein Überleben in der Zukunft sorgen. Es muss auch nicht immer gleich die teure Landmaschine sein, die per Satellit die Felder navigiert oder Düngemittel und Fungizide ausbringt. Ein intelligentes Farmmanagement-System kann auch schon vieles bringen, zum Beispiel für die Personaleinsatzplanung, die Dokumentation oder auch die Beantragung von Agrarsubventionen.

Durch den Einsatz solcher Maßnahmen können Prozesse verschlankt, Kapazitäten besser ausgelastet, Ressourcen geschont und letztendlich die Herstellungskosten gesenkt werden. Die Verantwortlichen der Agrarindustrie sollten diese Thematik für ihre Exit-Strategien in der Corona-Phase mit in Erwägung ziehen und sich nicht von hohen Investitionskosten oder der Komplexität des Themas abschrecken lassen.

In der Personalpolitik auf Veränderung setzen

Ein ebenso wichtiger Aspekt für eine zukunftsweisende Strategie ist die Personalnachfolge im Managementbereich. Bei der Neubesetzung im Bereich der Führungsebene empfiehlt es sich, den Fokus auf ‚Veränderer‘ und nicht auf ‚Bewahrer‘ zu legen. Auch die landwirtschaftliche Branche befindet sich im Umbruch, daher sind Führungskräfte erforderlich, die Veränderungen mittragen, diese einfordern und bestenfalls sogar initiieren.

„Ein weiterer Schwerpunkt in der Agrarbranche sollte es sein, Mittel und Wege zu finden, um das B2C Geschäft stärker auszubauen. Generell besteht in dieser Branche ein hohes Maß an Primärkontakt, dieser sollte durch die Digitalisierung nicht mehr ausschließlich im Vordergrund stehen.“ So Birlenberg weiter.

Gerade in der aktuellen Corona-Phase haben viele Unternehmen ihre Vertriebsnetze umgestellt. Durch die teilweise beschränkten Lieferketten kann auch im Agrarbereich der Direktvertrieb zum Verbraucher eine weitere Möglichkeit sein, um neue Wege zu erschließen. Zudem ist der Konsumentenmarkt oftmals größer und auch abwechslungsreicher, was letztendlich die Anzahl möglicher Kunden erhöht. Hinzu kommt, dass der Konsument gerne darüber Bescheid weiß, wo seine Lebensmittel herkommen. Daher könnte das Konsumentengeschäft eine gelungene Möglichkeit bieten, um neue Verkaufswege zu erschließen.

Fazit
Für keine Branche ist es leicht, eine komplette Exit-Strategie zu definieren, da keiner weiß, wie es weiter gehen wird. Jedoch ist eines sicher, ein Festhalten an Bewährtem ist kein geeigneter Weg, um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Durch ein Vorantreiben der digitalen Transformation können landwirtschaftliche Betriebe effektiver arbeiten sowie weniger Produktionsausfälle verzeichnen und letztendlich wirtschaftlicher haushalten. Zudem kann eine Kombination von B2B und B2C ein zusätzliches Standbein darstellen, sodass landwirtschaftliche Erzeugnisse auch in Krisenzeiten den Weg zum Verbraucher finden.

Auch in der Agrarindustrie werden kurz- und mittelfristig neue Tätigkeitsfelder und komplexere Aufgaben gefordert sein. Hier werden neben fundiertem Fachwissen auch spezielle Fähigkeiten, wie beispielsweise Qualitätsmanagement, Kommunikation sowie im Risiko- und Krisenmanagement zu den agrarischen Kenntnissen hinzukommen.

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Dieser Artikel ist Teil der Beitragsserie „Exit-Strategie nach dem Lockdown“

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