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18.06.2020

Was Headhunter ihren Freunden empfehlen

Wie man seine Karriere optimal plant (den übernächsten Schritt mitdenken) und warum ein Führungsjob überschätzt ist (die Zukunft gehört Expertenteams)? Ein Guide in zwölf Schritten.

Was Headhunter ihren Freunden empfehlen

Von Dr. Monika Becker, Business Unit Director für den Bereich Software bei der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung und Sector Head IT & Digitalisation der Horton Group International.
 

1. Netzwerken ist kein Privatvergnügen

Viele Jobs werden gar nicht erst ausgeschrieben, sondern aus dem Netzwerk heraus besetzt. Deshalb lohnt es sich, mit alten Kolleg*innen und ehemaligen Chef*innen in Kontakt zu bleiben. Einfach hin und wieder eine Nachricht schicken, einen kleinen Kommentar posten oder mal zum Lunch treffen. Und ja, natürlich geht es dabei um ein Geben und Nehmen, das ist keine Egoshow. Trotzdem darf man seine Kontakte aus strategischen Gründen pflegen.  Das gleiche gilt natürlich auch für die Kontakte zu „ausgewählten Personalberatern des Vertrauens“. Selbstverständlich wird ein guter Personalberater den Markt komplett durchsuchen und so auch auf die „sozial passiven“ Kandidaten stoßen. Ein Kandidat, der „seine Personalberater“ über Veränderungen auf dem Laufenden hält, wird aber vermutlich früher angesprochen und hat einen zeitlichen Vorteil bei einer attraktiven Position. Oft erlebe ich bei Leuten, die zeitlich sehr eingespannt sind, dass sie diesen sozialen Part chronisch unterschätzen. Netzwerken gehört zur Karriereplanung dazu und sollte deshalb als Teil des Jobs verstanden werden. Dass auch gut gepflegte Social-Media-Kanäle dazu gehören, wo nicht nur der Hund gepostet wird, muss man niemanden mehr erklären. Theoretisch. Praktisch sind solche trivialen Ratschläge leider immer noch nötig.

 

2. Den übernächsten Karriereschritt mitdenken

Einer der wichtigsten Grundsätze bei der Karriereplanung ist eine ausgefeilte Dramaturgie im Kopf zu haben – und nicht nur an den nächsten, sondern auch den übernächsten Schritt zu denken. Wenn man sich überlegt, was ein guter Move sein könnte, muss man wissen, wie Headhunter überhaupt vorgehen. Wir fragen uns: Wo könnte jemand arbeiten, der für das gesuchte Profil interessant ist? Und natürlich stehen da die Unternehmen ganz oben auf der Liste, als Leader oder Innovator in einem Marktsegment gesehen werden. Heißt im Umkehrschluss für die eigene Karriereplanung: Wenn ich die Wahl habe, in einer No-Name-Company, die womöglich wackelig finanziert ist, anzufangen als Chef*in des Vertriebs,  dann sollte ich mir des Anschlussrisikos bewusst sein. Eine „einfache“ Vertriebsrolle mit Perspektive r bei einer Firma mit einem starken Brand kann die bessere Wahl sein. Company sticht Position.

 

3. Mehr Bewegung, bitte

Beständigkeit und Treue mag in anderen Lebensbereichen eine gute Sache sein; in puncto Karriere kann es nachteilig sein. Wer zu lange auf ein und derselben Stelle verharrt, wirkt inflexibel und ängstlich. Attribute, mit denen man nicht unbedingt in Verbindung gebracht werden will. Klar, jeder Wechsel bedeutet auch ein gewisses Risiko und niemand mag Jobhopper Aber: Ohne Risiko keine gelungene Karriere.

 

4. Anything goes? Vorsicht!

Querdenker und Quereinsteiger haben einen enormen Imagewandel vollzogen. Was aber nicht heißt, dass immer und in jeder Firma auch ein Platz für sie ist, selbst wenn es behauptet wird. Es klingt halt chic. Dass dabei ein Missverständnis vorliegt, sieht man beispielsweise, wenn es heißt, dass ein Querdenker und exzellenter Teamplayer gesucht wird. Beides geht nicht wirklich zusammen. Entweder bin ich derjenige, der ein Team optimal unterstützt oder ich bin derjenige, der den Status Quo infrage stellt und auch mal „quer“schießt. Auch wilde Branchenvolten, diese Anything-Goes-Attitüde finde ich problematisch. Man muss seinem Gegenüber schon plausibel erklären können, welchen spezifischen Mehrwert man einbringt. Je breiter man aufgestellt ist, desto beliebiger ist das Profil – und beliebig ist nicht unbedingt attraktiv.

 

5. Anforderungsprofil ist relativ

Natürlich muss man nicht alle Kriterien einer Stellenausschreibung erfüllen. Oft wird dabei ohnehin zwischen Must und Nice-to-have differenziert. Ich würde sogar sagen, man muss nicht mal alle Must-Anforderungen erfüllen, sollte aber eine gute Begründung parat haben, warum man trotzdem in Frage kommt. Etwa, weil man in anderen Bereichen so gut aufgestellt ist, dass man diese spezifische Aufgabe ganz einfach lernen kann. Mal ganz davon abgesehen, dass Lernfähigkeit eines der wichtigsten Skills überhaupt ist.

 

6. Alarmsignale: Nichts wie weg hier

Es gibt ein paar Situationen, bei denen man misstrauisch werden sollte. Ein paar Beispiele: Man hat beim Vorstellungsgespräch den Eindruck, (kritische) Nachfragen werden nicht unbedingt positiv aufgenommen? Das lässt nicht unbedingt auf eine offene Diskussionskultur schließen. Die Gesprächspartner sind überhaupt nicht vorbereitet und haben sich offensichtlich nicht mit dem CV beschäftigt? Spricht für mangelnde Wertschätzung den Mitarbeitern gegenüber. Noch ein Alarmzeichen: Es werden unendlich viele Gespräche geführt, ohne dass darin ein Sinn erkennbar ist. Klar kann es manchmal nötig sein, vier, fünf oder auch sechs Runden zu absolvieren. Wenn man aber immer wieder bei null anfängt, spricht vieles dafür, dass hier keiner etwas entscheiden darf. Da kann man sich natürlich ausmalen, dass das im Daily Business ähnlich laufen wird. Übrigens würde ich grundsätzlich immer auf mein Bauchgefühl hören. Eine Entscheidungsmatrix ist sicherlich sinnvoll. Aber wenn wir von Leuten gesprochen haben, bei denen es schief ging mit dem neuen Job, dann hat ihr Bauchgefühl von Anfang nicht gestimmt.

 

7. Der erste Eindruck – und was dabei schief gehen kann

Ich finde es immer gut, wenn Leute sich über den Dresscode Gedanken machen. So unkompliziert es in manchen Branchen zugehen mag: Man kann in beiden Richtungen komplett daneben liegen und entsprechend over- oder underdressed sein. Es geht um den berühmten ersten Eindruck und für den gibt es oft keine zweite Chance. Und jenseits von Outfit-Fragen gibt es auch andere stilistische Fauxpas: Extrem unangenehm wirkt es, wenn Interviewpartner*innen mit dieser überheblichen Laid-Back-Haltung dasitzen, nach dem Motto: So, jetzt erklärt mir mal, warum ich bei euch anfangen sollte. Das geht gar nicht. Das lässt Schlüsse drauf zu, wie diese Person später an Aufgaben herangeht und mit Kolleg*innen agiert. Egal wie der Kontakt zustande gekommen ist, man sollte immer eine gute, überzeugende Story über sich parat haben und die entscheidenden Fakten und Zahlen der Company im Kopf haben.

 

8. Die ewige (und elende) Gehaltsfrage

Das Zielgehalt ist ein Punkt, wo sich die Bewerber*innen meiner Erfahrung nach zu viel Druck machen. Ich würde empfehlen, das nicht von sich aus auf die Agenda zu setzen, sondern die Company kommen zu lassen. Was die Steigerung angeht, gibt es auch keine Faustregel. Das hängt vom jeweiligen Setting ab: Am Anfang der Karriere sind größere Sprünge drin, ab einer gewissen Flughöhe geht es vielleicht eher um Inhalte als um Geld. Ein Beispiel: Für eine IT-Manager**in, die 220.000 Euro pro Jahr verdient, kann ein Jahresgehalt von 200.000 Euro durchaus akzeptabel sein, wenn der Job sie reizt und die Stelle finanziell limitiert ist. Ob man 10.000 Euro mehr oder weniger netto verdient macht keinen entscheidenden Unterschied. Da wäre es schade, wenn man sich mit einer bestimmten Summe aus dem Rennen nimmt, obwohl man den Job gerne gehabt hätte.

 

9. Karriere geht ohne Führungsjob

Es gibt diese klassische Vorstellung, dass zu einer „richtigen“ Karriere zwingend eine Führungsposition gehört. Das ist schade und falsch und vor allem nicht zeitgemäß – und zwar aus mehreren Gründen. Nicht jeder hat das Talent und die persönlichen Skills, die man benötigt, um ein Team zu führen. Vielleicht ist diese Person aber in ihrem Job eine ausgewiesene Spezialist*in? Wer sagt, dass diese Expert*in zwingend ein Team führen muss? Warum darf sie sich nicht auf ihre fachliche Arbeit konzentrieren? Wie oft wurden solche Leute befördert in der Vergangenheit, aus einem Automatismus heraus? Und wie sehr haben manche diese Posten gegen innere Widerstände ausgefüllt und sind gar verzweifelt daran! Ich finde, es ist Zeit, sich von diesem konventionellen Karrierekonzept zu verabschieden. Es wird in Zukunft darum gehen, die Zusammenstellung der Teams und die Rollen der einzelnen Teammitglieder flexibler zu gestalten; Indem man auch mal seine Rolle wechselt von Führungsjob zu Spezialist*in und wieder zurück. Das kommt unserem Verständnis einer modernen, agilenArbeitswelt viel näher.

 

10. Tue Gutes – und lasse andere darüber reden

Ganz wichtig finde ich, aktives Reputationsmanagement zu betreiben. Das heißt, nicht darauf zu hoffen, dass andere schon sehen werden, dass man einen guten Job macht, sondern dafür zu sorgen, dass es gesehen wird. Deshalb ist es wichtig, nach Projekten, die super gelaufen sind, positives Feedback einzufordern von Auftraggebern oder Chefs. Es geht darum, diese Momente in der Karriere zu sehen und sie zu nutzen.

 

11. Woran man gute Headhunter erkennt

Das Problem: Der Begriff des Personalberaters ist nicht geschützt. Deshalb tummeln sich in dieser Branche auch ein paar schwarze Schafe. Es gibt durchaus solche, die kein Mandat haben und versuchen, an CVs heranzukommen, um sich eine Datenbank aufzubauen. Oder noch schlimmer, die eine Stelle frei erfinden, um einen Lebenslauf zu ergattern. Deshalb ist eine Recherche ratsam: Kolleg*innen und Branchenkenner fragen, im Internet nach Bewertungen suchen, darauf achten, wie gut der Personalberater seinen Kunden kennt und wie ausführlich die Vorgespräche sind Ein Alarmzeichen ist, wenn man nichts mehr hört und der Kontakt plötzlich abbricht. In diesem Fall sollte man auf Grundlage der DSGVO darauf bestehen, dass die Daten gelöscht werden und notfalls mit rechtlichen Schritten drohen.
 

12. Nicht zu lange warten

Man sollte einen Jobwechsel nicht aufschieben, bis man verzweifelt ist. Das ist keine optimale psychologische Verfassung, um sich auf einen neuen Job zu bewerben. Natürlich kann es immer passieren, dass man aus heiterem Himmel gekündigt wird. Oder gehen möchte , weil man etwa mit einem neuen Vorgesetzten nicht klarkommt. Aber in aller Regel deuten sich Entwicklungen zum Negativen an. Und diese Anzeichen sollte man ernst nehmen und entsprechend aktiv werden. Der Vorteil ist, dass man den Luxus hat, Nein zu sagen. Druck ist ein schlechter Berater. Und eine falsche Entscheidung kann schnell eine andere

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